← Magazin

Technik

Decca-Tree vs. ORTF: Welche Stereomikrofonie passt zum Orchester?

Bei Orchesteraufnahmen und Konzertmitschnitten entscheidet das Hauptmikrofon maßgeblich über Breite, Tiefe und Charakter des Klangs. Zwei der bekanntesten Verfahren sind der Decca-Tree und das ORTF-System. Beide erzeugen Stereophonie – aber auf völlig unterschiedliche Weise. Welches passt zu Ihrem Ensemble? Die Antwort hängt von Besetzung, Saal und musikalischem Ziel ab.

Kurz erklärt: Wie Stereomikrofonie funktioniert

Unser Gehör ortet Schallquellen über Laufzeit- und Pegelunterschiede zwischen linkem und rechtem Ohr. Stereomikrofonie nutzt diese Prinzipien: Entweder stehen die Mikrofone weit auseinander (Laufzeitstereofonie, z. B. AB), liegen eng beieinander mit Richtwirkung (Intensitätsstereofonie, z. B. XY) – oder kombinieren beides (Äquivalenzstereofonie, z. B. ORTF). Für klassische Live-Aufnahmen ist meist diese goldene Mitte im Einsatz: natürlich, räumlich und dennoch gut lokalisierbar.

Decca-Tree: Breite und orchestral Fülle

Der Decca-Tree stammt aus den legendären britischen Decca-Aufnahmen der 1950er Jahre. Typisch sind drei Mikrofone in T-Form – links, rechts und vorn in der Mitte – oft ergänzt durch weit außen stehende Outrigger. Das Array hängt hoch über dem Dirigenten, meist drei bis vier Meter über der Bühne.

Historisch wurden dafür oft Kugelmikrofone verwendet (klassisch: Neumann M 50). Sie erfassen den Raum sehr offen, liefern ein tiefes, warmes Fundament und ein breites, fast cineastisches Stereobild. Der Decca-Tree eignet sich hervorragend für:

  • Große Sinfonieorchester mit breiter Bühnenaufstellung
  • Filmmusik und epische Werke, bei denen Raum und Wucht im Vordergrund stehen
  • Säle mit guter Akustik, in denen der Nachhall Teil des Klangs sein darf

Nachteil: Der Aufbau ist aufwendig, und in sehr halligen Räumen kann der Klang schnell verwaschen wirken, wenn die Mikrofone zu weit vom Ensemble entfernt stehen.

ORTF: Präzision und Portabilität

ORTF steht für Office de Radiodiffusion Télévision Française – das französische Rundfunkverfahren. Zwei Nierenmikrofone stehen im Abstand von 17 cm mit einem Winkel von 110° zueinander. Diese Maße orientieren sich am menschlichen Ohrabstand und erzeugen ein sehr natürliches, scharf lokalisierbares Stereobild.

ORTF klingt oft transparenter und „näher“ als ein Decca-Tree. Nierenmikrofone nehmen Schall von hinten gedämpft auf – störender Nachhall aus dem Kirchenschiff oder dem leeren Saal wird reduziert. Der theoretische Aufnahmewinkel liegt bei etwa 96° – ausreichend für Kammermusik und mittlere Chöre. Ideal für:

  • Kammermusik – Streichquartett, Bläserensemble, Klaviertrio
  • Chöre, bei denen Textverständlichkeit wichtig ist
  • Mittlere Besetzungen, die klar und definiert klingen sollen

Bei einem 80-köpfigen Orchester auf breiter Bühne wirkt ORTF oft zu schmal – die äußeren Instrumentengruppen rücken akustisch zu sehr in die Mitte.

NOS und AB – die Alternativen

NOS (niederländisches Rundfunkverfahren) nutzt ebenfalls zwei Nierenmikrofone, aber mit 30 cm Abstand und 90° Winkel. Es wirkt etwas breiter als ORTF, bleibt aber kompakter als ein Decca-Tree – ein guter Kompromiss für mittlere Ensembles.

AB (Spaced Pair) setzt zwei Kugelmikrofone parallel in größerem Abstand auf. Das Ergebnis: sehr breiter Raumklang und tiefer Bass, aber weniger punktgenaue Lokalisation. AB eignet sich oft als Ergänzung oder in besonders guten akustischen Räumen.

Welches System für welche Besetzung?

  • Sinfonieorchester: Decca-Tree (ggf. mit Outriggern) – bildet die volle Bühnenbreite ab
  • Kammermusik: ORTF – präzise, transparent, nicht überdimensioniert
  • Chor mit Orchester: ORTF als Hauptpaar, Stützmikrofone für Stimmengruppen bei Bedarf
  • Solist mit Orchester: Hauptstereo nach Ensemblegröße, Solist über dezentes Stützmikrofon

Mehr Grundlagen zur Stereomikrofonie finden Sie in unserem Artikel Stereomikrofonie für Orchesteraufnahmen und in den Hörbeispielen auf der Technik-Seite.

Der Saal zählt: Hallradius und Mikrofonabstand

Kein Mikrofonverfahren rettet eine schlechte Position im Raum. Entscheidend ist der sogenannte Hallradius: die Entfernung von der Bühne, ab der der Nachhall den Direktschall überlagert. Steht das Hauptmikrofon zu weit weg, klingt die Aufnahme hallig und undeutlich; steht es zu nah, fehlt Raum und Atmosphäre.

Der Hallradius hängt von Raumvolumen, Nachhallzeit und Mikrofoncharakteristik ab. Kugelmikrofone (Decca-Tree) „hören“ mehr Raum als Nieren (ORTF) – mit einer Niere können Sie in der Praxis weiter vom Ensemble entfernt stehen, bevor der Nachhall dominiert. In Kirchen mit langer Nachhallzeit muss der Tonmeister besonders sorgfältig Abstand und Höhe wählen – ausführlich in Konzertmitschnitt in der Kirche und bei Konzertmitschnitten in Franken und Bayern.

Typische Fehler bei der Platzierung

  • Zu niedrig aufgebaut: Vordere Musiker schatten Holzbläser und Schlagwerk ab
  • Zu nah an reflektierenden Wänden: Frühe Reflexionen verfärben den Klang
  • „Fix it in the Mix“: Hall und schlechte Balance lassen sich nachträglich kaum korrigieren
  • Stützmikrofone ohne Zeitabgleich: Solisten wirken unnatürlich vorne, das Orchester weit hinten (siehe unten)

Haupt- und Stützmikrofone: Timing ist alles

Bei großen Besetzungen ergänzen Stützmikrofone das Hauptpaar – für Solisten, Harfe, Celesta oder leise Holzbläser. Ein häufiger Fehler: Stützsignale werden unverzögert mit dem entfernt stehenden Hauptmikrofon gemischt. Das Gehirn ortet dann die Solostimme falsch.

Die Lösung: Das Stützsignal wird um die Laufzeit zwischen Nah- und Hauptmikrofon verzögert – grob 3 ms pro Meter Entfernung, oft plus etwas Haas-Aufschlag. Der Pegel der Stützen sollte deutlich unter dem Hauptsignal liegen (oft mindestens 15–20 dB). So bleibt der Raumklang intakt, und einzelne Stimmen gewinnen an Klarheit. Mehr dazu in Stützmikrofone beim Orchester und in unseren Hörbeispielen.

5 Tipps für Ensembles und Veranstalter

  1. Akustik mit voller Besetzung testen – ein leerer Saal klingt anders als mit Publikum
  2. Bühnenpodeste nutzen, damit hintere Reihen nicht abgeschattet werden
  3. Partitur und Bühnenplan frühzeitig an den Tonmeister übermitteln
  4. Störgeräusche minimieren – Klimaanlage, quietschende Stühle, Trittschall
  5. Nachhall ausklingen lassen – nicht zu früh Blättern oder Reden auf der Aufnahme

Häufige Fragen

Warum reicht nicht ein einziges Stereomikrofon?

Es bildet den Gesamtklang ab – bei großen Orchestern gehen leise oder entfernte Instrumente im Diffusschall unter. Stützmikrofone, korrekt verzögert und leise eingemischt, liefern die nötige Transparenz.

Kann man Hall später entfernen?

Praktisch nein. Einmal aufgenommener Diffusschall lässt sich kaum vom Direktschall trennen. Die Mikrofonposition vor Ort – Hallradius, Abstand, Höhe – ist die wichtigste Weichenstellung.

Decca-Tree oder ORTF für einen Kammerchor?

Meist ORTF: Nierenmikrofone fokussieren den Chor und dämpfen störenden Nachhall. Ein Decca-Tree nimmt oft zu viel Raum auf – in halligen Kirchen leidet die Textverständlichkeit.